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24. Februar 2026

Energieintensive Industrie: Teil der Lösung, nicht des Problems

Hohe Energiepreise, Diskussionen um einen Industriestrompreis, steigende Netzentgelte, CO₂-Bepreisung, neue Berichtspflichten durch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) sowie Instrumente wie der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM): Die energieintensive Industrie steht derzeit stark im Fokus der wirtschaftspolitischen Debatte. In öffentlichen Diskussionen entsteht dabei schnell ein vereinfachtes Bild: Energieintensiv = klimaschädlich. So einfach ist es jedoch nicht.

Die Industrie ist die Grundlage unserer Wertschöpfung. Ohne Schmiede-, Stahl- und Umformbetriebe gäbe es keine Windkraftanlagen, keine Netzinfrastruktur, keinen Maschinenbau und keine Elektromobilität. Die Frage ist daher nicht, ob die energieintensive Industrie eine Zukunft hat, sondern unter welchen Rahmenbedingungen sie diese Zukunft gestalten kann.

Eine Transformation erfordert Investitionen in Anlagen, Prozesse, Digitalisierung und Menschen. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist es jedoch anspruchsvoll, langfristige Klimaziele mit kurzfristiger Wettbewerbsfähigkeit in Einklang zu bringen. Für mittelständische Industrieunternehmen sind stabile Rahmenbedingungen entscheidend. Dazu gehören verlässliche Energiepreise, planbare Netzentgelte, der Ausbau erneuerbarer Infrastruktur und praktikable regulatorische Anforderungen. Hier greifen Industriepolitik, Energiepolitik und Klimapolitik ineinander.

Großhandelsstrompreise: Entspannung mit Unsicherheit

Nach den extremen Preisspitzen der Jahre 2021 bis 2023 haben sich die Großhandelsstrompreise an den Börsen zwar deutlich beruhigt. Sie liegen jedoch weiterhin über dem langjährigen Durchschnitt. Gleichzeitig bleibt die Volatilität hoch. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland in mehreren hundert Stunden negative Großhandelsstrompreise verzeichnet, d. h. es gab Zeiträume, in denen das Angebot erneuerbarer Energien die Nachfrage überstieg. Dies zeigt, wie stark sich das Energiesystem derzeit verändert. Für energieintensive Unternehmen entstehen dadurch neue Chancen, aber auch neue Anforderungen an Flexibilität und Lastmanagement. Der Börsenpreis bildet jedoch nur einen Teil der tatsächlichen Stromkosten ab. Netzentgelte, Abgaben und CO₂-Kosten bleiben davon unberührt bestehen. Eine Entlastung am Großhandelsmarkt kommt daher nicht vollständig und nicht unmittelbar bei den Unternehmen an. Für Betriebe mit hohem Strombedarf bleibt Energie somit ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor.

Marktmechanismus und politische Diskussion

Der europäische Strommarkt basiert auf dem sogenannten Marginalpreisprinzip. Das bedeutet, dass der teuerste Erzeuger, der zur Deckung der Nachfrage benötigt wird, den Marktpreis für alle bestimmt. Während der Energiekrise geriet dieses System stark unter Druck, da sich die hohen Gaspreise unmittelbar auf den Strompreis auswirkten. Seitdem wird auf europäischer Ebene intensiv darüber diskutiert, ob die Marktgestaltung angepasst werden sollte, um Preisspitzen künftig abzufedern und die Investitionssicherheit zu erhöhen. Parallel dazu fordern Industrieverbände verlässliche Rahmenbedingungen, stabile Energiepreise und eine Entlastung bei Netzentgelten. In anderen Wirtschaftsregionen liegen die Energiepreise teilweise deutlich niedriger oder werden stärker staatlich abgefedert. Eine Transformation kann nur gelingen, wenn ökologische Zielsetzungen und ökonomische Tragfähigkeit zusammen gedacht werden.

Verantwortung im eigenen Einflussbereich

Als energieintensives Unternehmen tragen wir Verantwortung und handeln entsprechend. So haben wir seit 2018 unsere direkten Emissionen in den Bereichen 1 und 2 um über 90 Prozent reduziert. Dies wurde durch gezielte Investitionen in Energieeffizienz, erneuerbare Energien und neue Verfahren ermöglicht. Ein zentraler Baustein ist dabei die Nutzung der Schmiedewärme für die Wärmebehandlung. Anstatt die Bauteile nach dem Schmieden vollständig abkühlen zu lassen und sie später mit hohem Energieeinsatz erneut zu erhitzen, verbleiben sie in speziell entwickelten Isolationssystemen. Dadurch reduzieren wir den Erdgasverbrauch um bis zu 95 Prozent. Zusätzlich beziehen wir unseren Strom aus erneuerbaren Quellen und sichern uns langfristige Liefermengen über Power Purchase Agreements. Unsere Klimaziele sind an wissenschaftsbasierten Standards ausgerichtet. Diese Maßnahmen resultieren nicht aus symbolischer Motivation, sondern aus technischer Überzeugung und wirtschaftlicher Vernunft.

Im Rahmen der Initiative EE-Industrie engagieren wir uns gemeinsam mit anderen mittelständischen Unternehmen für praxistaugliche Lösungen in der Energieversorgung. Unser Ziel ist es, erneuerbare Energien in industrielle Prozesse zu integrieren, Speicherlösungen voranzutreiben und regulatorische Hemmnisse abzubauen. Der Austausch im Netzwerk zeigt deutlich: Die Transformation der Industrie gelingt nur im Verbund.

Die größere Herausforderung: Wertschöpfungsketten

Hier spielen Materialwahl, Transportwege, internationale Lieferketten und die CO₂-Intensität der eingesetzten Rohstoffe eine entscheidende Rolle. Themen wie grüner Stahl oder CO₂-reduzierte Materialien sind somit nicht nur ökologische, sondern auch industriepolitische Fragen. Instrumente wie CBAM sollen künftig sicherstellen, dass importierte Produkte vergleichbare CO₂-Standards erfüllen. Das Ziel besteht darin, Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Ob und wie effektiv diese Instrumente wirken, wird sich in der Praxis zeigen. Fest steht: Dekarbonisierung ist keine Einzelaufgabe eines Unternehmens. Sie betrifft gesamte Lieferketten.

Realismus statt Meinungsmache

Unser Ziel bleibt, bis 2050 klimaneutral zu sein. Der Weg dorthin besteht aus vielen einzelnen, technisch und wirtschaftlich abgewogenen Entscheidungen. Die energieintensive Industrie wird auch zukünftig Energie benötigen. Entscheidend ist, wie effizient, ressourcenschonend und innovationsgetrieben sie arbeitet. Die öffentliche Debatte darf deshalb nicht in pauschalen Zuschreibungen verharren. Energieintensive Unternehmen sind nicht das Problem. Sie sind ein zentraler Hebel für die industrielle Transformation. Dafür sind realistische Rahmenbedingungen, technologische Weiterentwicklung und partnerschaftliche Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette Voraussetzung. Daran arbeiten wir Schritt für Schritt.

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